Antibiotikatherapie - aber richtig
Dr. med. Benedikt Ebelt vom MVZ Geiselhöring über den verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika
Was wäre ein tatsächlich rechtfertigender Grund für die Verschreibung von Antibiotika?
Antibiotika sollten verschrieben werden, wenn es klare oder zumindest sehr wahrscheinliche klinische bzw. diagnostische Belege für eine bakterielle Infektion gibt. Zusätzlich sollte die Infektion ausreichend schwer bzw. nicht von selber heilend sein. Speziell sollte man auf Hochrisikopatienten achten, die öfters Komplikationen entwickeln können.

Bild (aufgenommen von Elisabeth Landinger): Dr. med. Benedikt Ebelt vom MVZ Geiselhöring.
Wie sollte eine fachgerechte Antibiotikatherapie erfolgen?
Im besten Fall erfolgt eine antibiotische Therapie gezielt. Das heißt man hat herausgefunden welcher Erreger die Infektion verursacht und kann den Erreger mit einem ausgewählten Antibiotikum, das möglichst wenige Nebenwirkungen hat und auch möglichst wenige andere (potenziell gute) Keime der menschlichen Flora schädigt bekämpfen. In der Regel ist jedoch eine solche gezielte antibiotische Therapie, auch wenn sie wünschenswert wäre, im ambulanten Setting wie er Hausarztpraxis die Ausnahme. Hier folgt die Therapie meistens kalkuliert, d.h. ein bestimmtes Keimspektrum erwartend nach den aktuellen Empfehlungen.
Welche Fehler bei der Verschreibung bzw. Einnahme führen zur Bildung resistenter Keime?
Die Fehler sind vielfältig. Eine Publikation aus dem Jahr 2016 bezeichnete 30–50 % der Antibiotika-Therapien in Amerika als falsch. Die Autoren bezogen sich hierbei sowohl auf nicht nötige Verschreibungen, als auch auf die Verschreibung von nicht empfohlenen Antibiotika, die zu lange Verschreibung der Medikamente oder die falsche Dosierung.
Bei der Einnahme sollte sich der Patient die Empfehlungen des Arztes zu Herzen nehmen. Einige Antibiotika wirken erst, wenn sie über einem bestimmten Spiegelbereich liegen, den man mit der regelmäßigen Einnahme aufrechterhalten muss. Fällt der Spiegel unter diesen Bereich wirken die Antibiotika nicht können aber trotzdem weiterhin zu Resistenzen führen. Wechselwirkungen können in Verbindung mit anderen Medikamenten aber bei bestimmten Antibiotika auch mit der Nahrung auftreten. Am bekanntesten ist hier z.B. Milch. Bei der Verschreibung wird der Arzt den Patienten auf Besonderheiten bei der Einnahme hinweisen.
Es kommt auch vor, dass Patienten angebrochene Packungen „für den Fall des Falles" zu Hause lagern und ohne Rücksprache bei neu aufgetretenen Infektionen einnehmen. Davor kann nur gewarnt werden.
Immer wieder ist die Massentierhaltung im Verdacht, Antibiotikaresistenzen zu generieren. Ist da etwas dran?
Massentierhaltung trägt tatsächlich signifikant zur Entwicklung von Antibiotikaresistenzen bei. Antibiotika werden dabei zum Teil missbraucht, um das Wachstum von Tieren zu fördern. Auf der anderen Seite werden die Tiere oft unter beengten und unhygienischen Bedingungen gehalten, sodass sich hier auch Infektionen öfter verbreiten. Um dem vorzubeugen werden Antibiotika eingesetzt. Dieser routinemäßige Einsatz führt dann immer öfter zu resistenten Keimen, die über direkten Kontakt mit den Tieren oder über den Konsum von nicht durchgekochtem Fleisch oder auch durch die Exkremente die in das Grundwasser kommen auf den Menschen übergehen.
Ist die Sorge vor einem resistenzbedingten, post-antibiotischen Zeitalter begründet, das die Medizin in die Zeit vor der Erfindung dieser Wirkstoffe zurückwirft und in dem Menschen wieder an einfachen Infekten sterben?
Die Sorge ist leider berechtigt. Wir befinden uns bereits am Anfang dieses Zeitalters. Es existieren schon Bakterien, die gegen alle bekannten Antibiotika resistent sind. Zusätzlich werden aus verschiedenen Gründen fast keine neuen Antibiotika entwickelt. Es gibt Berechnungen, dass im Jahr 2050 weltweit mehr Menschen an multiresistenten Bakterien sterben könnten, als z.B. durch Krebs oder Herzinfarkte. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit Antibiotika ist jetzt und für die Zukunft von großer Bedeutung. Es ist wichtig sowohl Ärzte als auch Patienten für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren.